Am Wochenende hatten wir Besuch von Freunden. Die fünfjährige Tochter war mit dabei. Es kam zu einem für mich ebenso überraschenden wie aufschlussreichen Dialog, dem ich den Titel “Die Leichtigkeit des Change” gebe.

Ein Dialog über Angst und den Mut, es trotzdem zu versuchen

„Morgen Abend ist es doch eher dunkel, oder?“ fragte sie, die Zeitumstellung auf Normalzeit im Blick.
„Ich möchte dann nämlich raus und mich gruseln.“
Ich machte sie darauf aufmerksam, dass Halloween doch erst ein paar Tage später sei – ein Hinweis, der ignoriert wurde. Also fragte ich nach:
“Warum möchtest du dich denn gruseln?”
“Weil ich das schön finde.”
“Was soll denn daran schön sein?”
“Ich habe gern Angst.”
“Du hast gern Angst? Angst ist doch etwas Unangenehmes?”
“Nein, Angst ist schön.”
“Das verstehe ich nicht.”
“Das ist doch ganz einfach: Nur wenn ich Angst habe, kann ich auch mutig sein.”

Das hatte ich verstanden – und wurde zur „Belohnung“ ausgewählt, am folgenden Abend in der Dunkelheit die Angst zu suchen, um mutig sein zu können. Doch angstmachende Tiergeräusche und fernes U-Bahn-Gequietsche wurden für mich durch Ostwind und fiesen Regen überlagert – kurz: Es war eher nasskalt als angsteinflößend. Ich führte das Gespräch vom Abend zuvor fort:

“Sag mal, wenn nur wer Angst hat, auch mutig sein kann: Wozu brauchst du diesen Mut?”
“Das weißt du nicht – immer wenn ich mutig bin, fühle ich mich danach besser.”
“Okay, dann fühlst du dich besser und was geschieht noch?”
“Hast du auch mal Lego gespielt?”
“Na klar, ich habe immer große Bauernhöfe und Häuser gebaut.”
“Siehst du, so etwas mache ich auch, ich baue große Türme.”
“Und was hat das mit Angst und Mut zu tun?”
“Immer wenn ich einen Turm weiterbaue, habe ich Angst, dass er umstürzen kann – und fast immer habe ich Mut, es trotzdem zu machen. Wenn ich vorher zu viel Angst habe, baue ich nicht weiter, dann bekomme ich nie einen neuen Turm.”
“Das ist doch blöd, wenn der Turm dann einstürzt.”
“Es kann sein, dass der Turm einstürzt – das ist schade. Doch was ganz Schwieriges versuche ich nur manchmal, wenn ich bis zum Zubettgehen noch Zeit habe, wieder einen Turm aufzubauen. Denn ohne Turm möchte ich nicht einschlafen.”
“Und wozu brauchst du dabei die Angst?”
“Damit ich vorsichtig bin. Und damit ich trotzdem anfange.”

Die Leichtigkeit des Change

Na Klasse, dachte ich. Da gehst du mit einem Vorschulkind durch einen herbstlichen Park und bekommst so nebenbei, mit bewundernswerter Leichtigkeit die Grundlagen des Veränderungsmanagements beigebracht:

  • Nur so viel wagen, wie man im Fall eines Scheiterns wieder aufbauen könnte.
  • „Angst“ als Regulativ des eigenen Handelns und Wagens betrachten – und nicht einseitig als hemmende Bedrohung oder als fördernden Impuls.
  • Sich für den Mut belohnen, unabhängig vom erreichten Ergebnis.

Schon allein diese drei Regeln führen zu einer „Leichtigkeit des Change“, zu einem weniger verbissenen Festhalten an fernen Zielen oder am jetzigen Zustand. Wagen Sie also das, was Sie vor dem „Zubettgehen“ wieder geraderücken können – und wagen Sie das auf jeden Fall. Sonst bekommen Sie weder einen neuen Turm noch fühlen Sie sich besser.

 

Frank Wippermann

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