Leistung: Ein Beitrag zum Gemeinwohl oder eine individuelle Messkategorie? Die Historikerin Nina Verheyen hilft dabei, die eigene Definition in Frage zu stellen.


Wann haben Sie sich zuletzt gefragt, was der Begriff Leistung für Sie bedeutet? Bei flow consulting haben wir das kürzlich im Rahmen eines Workshops mit zahlreichen Netzwerkpartnern getan. Impulsgeberin war die Buchautorin Nina Verheyen. Sie ist derzeit Akademische Rätin und Habilitandin am Historischen Institut der Universität zu Köln.

Einige Assoziationen zum Begriff Leistung

Der Workshop startet mit der simplen Aufgabe, den Satz „Leistung ist…“ kurz und spontan zu vervollständigen. Das Ergebnis: Eine Pinnwand voll mit unterschiedlichsten Assoziationen – geht es eher um „Power“ oder eine bessere „Performance“, um Qualität oder Quantität? Für den einen ist Leistung mit Erfolg, Forderung, Zielerreichung verbunden, für den anderen mit Spaß, Dynamik, Kreativität. Die Bandbreite ist riesig. Schnell zeigt sich wie emotional aufgeladen das Wort Leistung ist – positiv wie negativ. Und es wird deutlich, wie unscharf ein Begriff, der in aller Munde ist, genutzt wird.

Nun geht es Nina Verheyen keineswegs darum, den Leistungsbegriff korrekt zu definieren – ganz im Gegenteil. Sie betont mehrfach, dass sie auf Basis der historischen Begriffsentwicklung zur Erweiterung des Denkhorizonts und gerne auch zur Irritation beitragen möchte. Sie nennt es „verunklaren“ – was in unserem Workshop prompt einer der meist genutzten Begriffe wird, um nicht zu sagen der “running gag”.

Die Entwicklung des Leistungsbegriffs

Wir starten mit dem Blick in die Vergangenheit und ergründen anhand diverser historischer Textauszüge des 18. und 19. Jahrhunderts wie letztlich die „individuelle Leistung“ im historischen Verlauf zu einer immer wichtigeren Größe wurde. Deutlich erkennbar ist, dass sich soziale Beziehungen und Gefühle in Bezug auf Leistung verändert haben. Steht zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch die wechselseitige Ausrichtung an anderen und am Gemeinwohl, am eher freiwilligen und keineswegs notwendig anstrengenden Beitrag zur Gesellschaft im Mittelpunkt, so kommen im Laufe der Zeit sowohl juristische (und damit einklagbare) sowie physikalische Dimensionen dazu. Im späten 19. Jahrhunderts geht es dann u. a. durch die Einführung des sogenannten Ergographen um das Messen von Leistungsfähigkeit. Intelligenztests werden erfunden und immer häufigere Bewährungsproben prägen den Alltag.

Die Erweiterung der Perspektive

Im Workshop diskutieren wir angeregt über diesen Wandel, erweitern und ergänzen dank der neuen Perspektiven unseren Leistungsbegriff um die soziale, kooperativ geprägte Komponente. Wir halten ein solches Verständnis für Führung und für Beratung, Training und Coaching von Führungskräften für ausgesprochen relevant. Denn letztlich geht es in fast allen Aufträgen und Einsätzen darum, dass die uns gegenübersitzende Führungskraft mehr leistet oder ein Team nach dem Workshop eine höhere Leistung erbringt. Soweit zu dem anregenden Tag mit Nina Verheyen und unseren Netzwerkpartnern.

Haben Sie die Eingangsfrage eigentlich schon für sich beantwortet? Wenn nicht – das Buch wird Ihnen zwar keine Antworten, aber viele wertvolle Anregungen geben. Es ist voll mit unterhaltsamen Anekdoten und Ereignissen und – wie bereits erwähnt – nicht das Ziel hat, zu belehren, sondern vielmehr dazu einlädt, seinem eigenen Leistungsverständnis „auf die Schliche“ zu kommen.
Zu beziehen ist es direkt über den Verlag: „Die Erfindung der Leistung“ (Hanser Berlin 2018) oder hier über die Bundeszentrale für politische Bildung.

Ich wünsche Ihnen viel Muße, Ihren persönlichen Leistungsgedanken auf den Grund zu gehen.

Anneli Gabriel

Foto: pixabay