Künstliche Intelligenz ist derzeit das dominierende Thema in Unternehmen. Die Erwartungen sind riesig, die Unsicherheit auch. Was bedeutet KI für Führung? Welche Aufgaben bleiben beim Menschen? Und warum scheitern trotz enormer Investitionen so viele KI-Projekte? Darüber habe ich mit dem Arbeitssoziologen Prof. Dr. Tobias Kämpf gesprochen, der seit fast zwanzig Jahren die Digitalisierung der Arbeitswelt erforscht.
Es ging in unserem Gespräch erstaunlich wenig um Technik – und fast die ganze Zeit um Menschen. Genau darin liegt vermutlich die wichtigste Erkenntnis.
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KI ist kein IT-Projekt
Auf die Frage, was Führungskräfte im Umgang mit KI jetzt tun sollten, antwortete Tobias ohne Zögern: „Der wichtigste Erfolgsfaktor ist die Beteiligung und das Empowerment der ganz normalen Beschäftigten.“ Denn in vielen Unternehmen läuft die KI-Einführung noch immer top-down: Geschäftsführung entscheidet, IT setzt um, Beschäftigte erfahren erst spät, was sich für sie ändert. Das Problem: KI verändert nicht nur Software, sie verändert Arbeit.
Warum so viel Wissen verloren geht
Aus seinen Interviews, etwa mit Call-Center-Beschäftigten, berichtete Tobias Kämpf: „Wie kommt man auf die Idee, einen Chatbot zu bauen, ohne mit den Menschen gesprochen zu haben, die seit zehn Jahren täglich mit Kunden telefonieren?“ Genau hier liegt der Denkfehler: Wer täglich mit Kunden spricht oder Prozesse steuert, weiß, wo Prozesse scheitern, welche Ausnahmen auftreten und warum manche „perfekte“ Lösung in der Praxis nie funktioniert. Dieses Wissen entscheidet oft über Akzeptanz. Deshalb versteht Tobias Kämpf KI-Einführung eben nicht als IT-Projekt, sondern als gemeinsamen Entwicklungsprozess.
Praxisbeispiel: Eine Bank wollte ihren Immobilienkreditprozess automatisieren. Grundbuchauszüge, Notarverträge, Baupläne sollten KI-gestützt verarbeitet werden. In der Theorie einfach, in der Praxis komplex: Jedes Grundbuchamt, jeder Notar arbeitete anders. Die Lösung: IT und Fachabteilungen entwickelten gemeinsam in interdisziplinären Teams. Anfangs lief das eher holprig, weil beide Seiten erst die Sprache der anderen lernen mussten. Und genau dieses gegenseitige Lernen führte schließlich aber zu einem guten Ergebnis.
Der ChatGPT-Moment – eine Guerilla-Innovation
Der Erfolg generativer KI wirkt oft wie strategisch geplant. War er aber nicht. „Die Beschäftigten haben privat festgestellt: Wow, wie sinnvoll sind diese Tools und haben das auf ihren privaten Geräten in die Unternehmen gebracht“, so Tobias Kämpf. Nicht Management, nicht IT – die Mitarbeitenden selbst, oft lange vor jeder offiziellen Regelung. Tobias nennt das „Graswurzel- oder Guerilla-Innovation“. Innovation entsteht eben nicht dort, wo sie geplant wird, sondern wo Menschen Freiräume zum Ausprobieren haben. Das verändert die Rolle von Führung grundlegend: weg vom Antworten-Geben, hin zu Fragen und Zuhören. Weil niemand, auch das Management nicht, mehr alle Antworten kennen kann.
KI-Projekte scheitern selten an der Technik
„Wir denken, wir führen die Technik wie ein Plug-and-play-Instrument ein, und sie löst alle Probleme. Das ist der fatale Fehler“, sagt Tobias Kämpf. Eine neue KI ersetzt keine schlechten Prozesse und schafft keine Zusammenarbeit von selbst. Entscheidend bleibt das klassische Zusammenspiel von Mensch, Technik und Organisation. Wer nur die Technik verändert, scheitert an den anderen beiden Stellschrauben.
Changemanagement beginnt viel früher
Statt erst nach der Softwareentwicklung mit Schulungen zu starten, beginnt Veränderung für Kämpf in dem Moment, in dem Menschen an der Gestaltung beteiligt werden oder eben nicht. Führungskräfte müssen dafür weniger Antworten liefern und mehr Räume schaffen, in denen ausprobiert und gelernt werden kann. Sie brauchen ein Grundverständnis der Technik, um Chancen und Grenzen realistisch einzuschätzen. Wichtiger aber ist: Sie müssen Veränderung ermöglichen statt sie zu steuern. „Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen experimentieren können“, so Tobias Kämpf. Denn niemand weiß heute, welche Anwendungen sich durchsetzen werden. Experimentieren und gemeinsames Lernen werden zur zentralen Führungsaufgabe.
Die Veränderung betrifft vor allem die Führungskräfte selbst
Beim Changemanagement denken wir meist zuerst an die Mitarbeitenden. Dabei verändert sich auch die Arbeit der Führungskräfte grundlegend. Entscheidungen werden datenbasiert vorbereitet, Routineaufgaben verschwinden. Tobias Kämpf erzählte von erfahrenen Ingenieuren der Automobilindustrie, die plötzlich Software entwickeln sollten: „Da müssen sich berufliche Identitäten neu bilden.“ Das gilt genauso für Führungskräfte, die künftig mehr moderieren, vernetzen und Orientierung geben müssen als reines Fachwissen auszuspielen.
KI kann Arbeit menschlicher machen
Statt zu fragen „Welche KI kaufen wir?“, sollte man fragen: Wo verlieren Mitarbeitende jeden Tag unnötig Zeit? Tobias Kämpf selbst saß nach einer Bahnreise über seiner Reisekostenabrechnung und dachte: „Schade, dass ich dafür noch keinen Agenten habe.“ Seine Empfehlung: „Man sollte die Beschäftigten fragen: Wo sind eure Schmerzpunkte?“ Denn nicht die Technologie steht im Mittelpunkt, sondern der Arbeitsalltag.
Produktivität ist nicht automatisch schlecht
Produktivität klingt in vielen Unternehmen negativ, nach Personalabbau und Druck. Tobias Kämpf sieht das anders: Entscheidend ist, wer von Produktivitätsgewinnen profitiert. Fließen sie nur in Kostensenkung, entsteht keine Begeisterung. Reduzieren sie Routinearbeit und schaffen Raum für Kunden und kreativere Aufgaben, wird KI zur echten Unterstützung. Aber: „Es reicht nicht, Akzeptanz zu schaffen. Wir müssen Begeisterung schaffen“, so Tobias Kämpf. Akzeptanz heißt „na gut, dann eben so…“. Begeisterung heißt „Super das hilft uns wirklich weiter!“. Menschen engagieren sich, wenn sie aus diesem Engagement einen deutlichen Nutzen für ihre eigene Arbeit erkennen.
Wir haben gerade die Chance, Arbeit neu zu gestalten
Tobias Kämpf zog eine historische Parallele: Das Programm „Humanisierung der Arbeit“ der 1970er wollte Produktion und Arbeitsbedingungen gemeinsam verbessern – eine Idee, die heute aktueller ist denn je. Zum Abschluss sagte er: „Wir sind mitten in einer tiefgreifenden Veränderung von Arbeit und Wirtschaft“. Das ist vergleichbar mit der Industrialisierung, diesmal aber für die Wissensarbeit. Der Unterschied: „Weil viele Strukturen gerade in Bewegung kommen, sind sie jetzt auch veränderbar.“ Nutzen Unternehmen diese Chance nicht, drohen Unsicherheit und gesellschaftliche Spannungen: „Wir müssen das positiv gestalten, sonst ist der Zusammenhalt in Gesellschaft und Arbeitswelt ernsthaft in Gefahr.“
Fazit
Die eigentliche Herausforderung der KI ist nicht die Technologie – sie ist Führung. Unternehmen brauchen weniger Menschen, die glauben, alle Antworten zu kennen, und mehr Führungskräfte, die gute Fragen stellen und Räume für Lernen und Mitgestalten schaffen. Der Erfolg von KI entscheidet sich seltener im Serverraum als im Besprechungsraum. Und zwar dort, wo Führungskräfte fragen: „Was würde eure Arbeit wirklich besser machen?“
Und wer tiefer einsteigen will: In unserem Webinar am 15.9., 17–18:30 Uhr, nehmen wir genau diese Fragen rund um KI und Führung praxisnah auseinander. Hier klicken und anmelden
Viele Grüße
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