Bei Bedarf: Hier sind 2 Empfehlungen von mir, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide greifen das Thema Künstliche Intelligenz auf – einmal faszinierend theoretisch, einmal unterhaltsam und fast erschreckend realistisch.

Das Denken ist hartes Brot, verehrte Maschine! – so titelt Andreas V.M. Herz, Professor für Computational Neuroscience an der LMU München. Er zeigt in seinem Beitrag in der FAZ einerseits auf, mit welch mächtigen Rechen- und Vernetzungsleistungen Künstliche Intelligenz bereits heute aufwarten kann. Andererseits beschreibt er die Grenzen der Nachbildung der Gehirnfunktionen und -leistung. Statt einer umfänglichen Entschlüsselung ist er mit einem „farbenfrohen Mosaikfenster“ verschiedener Theorien zufrieden, ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit. So weit – so theoretisch.

Fast bedrohlich realistisch, sehr lebensnah und skurril ist hingegen meine zweite Empfehlung: Ein Roman von Ian McEwan. Er ist im Diogenes Verlag erschienen und u. a. hier (auch als Hörbuch) erhältlich.

„Maschinen wie ich“

Charles kauft Adam, einen lebensechten Androiden. Ach ja, die 13 weiblichen der insgesamt 25 zum Verkauf stehenden Androiden waren leider ausverkauft, also kaufte Charles eben Adam – aus purer Neugier. Der mischt sich unerwartet schnell in Charles’ Privatleben ein, spinnt erste Intrigen und sät schnell Misstrauen gegenüber Miranda, der Freundin von Charles. Und so wird im Handumdrehen aus einem Liebespaar eine Dreiecksbeziehung. Dumm nur für Charles, dass Adam nicht nur belesener ist als er, sondern auch sonst fast immer – das Liebesleben inklusive. Nach und nach wird auch das Argument von Charles, dass Roboter zumindest keine Romane schreiben können, immer fraglicher und sukzessive entkräftet…

Ein Puzzle aus Fiktion und Realität

Künstliche Intelligenz trifft also auf reale Beziehungen und gesellschaftliche Wirklichkeit. Auch aktuelle Themen wie die „Me too-Diskussion” werden in die Erzählung integriert. Im Laufe der gut vierhundert Seiten wird der verzweifelte Kampf von Charles gegen „seinen“ Adam immer deutlicher, die immer wieder zum Scheitern verurteilte Selbstbehauptung des Roboterhalters Charles gegenüber “dem Ding” Adam. Wer wann Objekt wird, wann Subjekt ist … das wird flüssig und mit immer wieder neuen Anspielungen erzählt. Bei dem Themenkomplex „Maschine ersetzt Mensch“ ist das auf der reinen Erzählebene amüsant, auf der Übertragungsebene kommt man schnell ins Nachdenken: Was wäre, wenn Maschinen die „besseren“ Menschen werden – oder es bereits sind? Und worin, bitte, besteht dieses „besser“?

„Machines like me“, so der doppeldeutige Originaltitel des Buches, erzählt über eine Maschine. Unklar bleibt, ob deren Leiden und Lieben echt ist oder programmiert. Und der Roman präsentiert Menschen, die von Adam immer wieder in irrationale und irrwitzige Situationen gebracht werden. Mirandas Vater hält beispielsweise Adam für den Freund an der Seite seiner Tochter und Charles für den Roboter. Da muten die Anstrengungen des tatsächlichen Menschen schnell komisch an, die Künstlichkeit von Adam und die eigene Menschlichkeit immer wieder beweisen zu wollen. Tja, welche Beweise werden hier von wem denn als gültig angesehen – und mit welchem Recht?

Lesen Sie es am besten selbst

Ein unterhaltsamer Roman, locker geschrieben, schnelle Dialoge, überraschende Momente – warum das alles in die Anfänge der 1980er Jahre gelegt wurde, erschließt sich mir noch immer nicht. So what – dann gibt’s eben noch ein wenig Nachhilfe in englischer Geschichte: IRA, Falkland-Krieg und so weiter.

Ach ja: Den Cliffhanger, mit dem diese Dreiecksgeschichte endet, verrate ich hier nicht – das ist unfair gegenüber allen, die unbefangen an die Story um das Trio herangehen möchten. Lesen Sie also selbst.

Beste Grüße und eine angenehme Sommerzeit wünscht Ihnen

Frank Wippermann

Foto: Diogenes Verlag